G’DAY Australia!

von | 19.05.2022 | International, News | 0 Kommentare

Pünktlich zum Start der “deutschen” ekF Sommer-Saison möchte ich gerne im Rahmen unserer Serie „eKF International“ den Fokus auf das andere Ende der Welt richten – Australien, mein ewiges Traumziel für den nächsten Urlaub! Leider bin ich bisher nicht über das Träumen hinausgekommen. Wer diesen jedoch bereits in die Tat umgesetzt hat, ist Marcus Michelfeit. Denn Marcus hat es nicht nur bei einer Fernreise belassen, sondern ist vor über 3 Jahren nach „Down Under“ umgezogen und hat im Laufe seines Aufenthalts mit dem Fahren eines Elektro-Skateboards begonnen. In diesem Beitrag soll es nun um seine Beobachtungen auf Reisen durch diesen riesigen Kontinent und den Umgang mit dieser Art von Mikromobilität gehen.

aktueller Stand in New South Wales

Bundesstaaten

Australien ist in 6 verschiedene Bundesstaaten plus 2 Territorien aufgeteilt und hat bisher für Elektrokleinstfahrzeuge keine nationale Regulierung geschaffen, sondern setzt vielmehr auf eine föderale Bestimmung pro Staat/Territorium. Dies bedeutet, dass z.B. in Western Australia, Queensland, Tasmanien und Australian Capital Territory (ACT) die Nutzung von eKF erlaubt ist, aber wiederum in Victoria (VIC), New South Wales (NSW), South Australia (SA) und dem Northern Territory noch nicht einmal E-Scooter reguliert sind.

Selbst auf grundlegende Eckdaten wie z.B. die Einstufung der Geräte als KFZ oder Fahrrad sowie einem Speed-Limit konnte man sich landesweit noch nicht einheitlich einig werden. Gerade erst kürzlich regulierte der Bundesstatt QLD die Höchstgeschwindigkeit von 25 auf 20km/h herunter.

Im Gegensatz zum australischen Fahrradfahrer, welcher einer Helmpflicht unterliegt und auf deren Einhaltung die Polizei peinlichst genau achtet, spielt dieses Thema innerhalb der australischen Community eine untergeordnete Rolle, da fast durchweg freiwillig das Tragen von Helm, Pads und Handschuhen umgesetzt wird.

Trotz einer sehr hohen Beliebtheit von Personal Electric Vehicles (PEV) bei der australischen Bevölkerung, kämpfen die Nutzer der Fahrzeuge gerade in NSW, VIC und SA mit den gleichen Problemen wie damals Deutschland 2019. Die Stadt Melbourne z.B. startete im Februar 2022 mit der Zulassung von E-Scootern und sah sich in nur kurzer Zeit mit vielen negativen Berichten über Leih-E-Scooter konfrontiert. Wie bereits schon in Deutschland handelte es sich dabei meist um rücksichtsloses Fahren oder das nicht befolgen der vorgeschriebenen Regeln. Leider führte dies teilweise auch zu schweren Verletzungen von Passanten und zu einem tragischen tödlichen Unfall eines Nutzers.

Schaut man z.B. dieses Video ohne Ton, fühlt man sich direkt nach Deutschland ins Jahr 2019 zurückversetzt.

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Immer wieder die Gleichen Probleme

Wie fast jede Millionenmetropole kämpft auch Sydney mit einem stetig wachsenden Autoverkehr und sucht händeringend nach Lösungen, um diesen einzudämmen bzw. zu reduzieren. Deshalb plant die Stadt ab Juli dieses Jahres den ersten E-Scooter Trail, auf welchem man erst einmal „testweise“ E-Fahrzeuge mit und ohne Lenkstange nutzen darf. Die Verantwortlichen der Stadt haben sich bewusst gegen das Zentrum von Sydney entschieden und möchten in und um den Olympic Park die Nutzung von PEVs beobachten. Dieses sehr beliebte Areal wird sowohl von der E-Community, als auch von Fahrradfahrern oder vielen anderen Sportlern gern genutzt, da der Anteil des Autoverkehrs gegenüber anderen Bezirken Sydneys wesentlich geringer ausfällt. Es bleibt aber abzuwarten, ob dieser von den Nutzern lang erwartete E-Scooter Trail ein erster Schritt in die erhoffte Legalisierung aller Elektrokleinstfahrzeuge sein kann.

Der Markt boomt

Anders als in Deutschland stoßen PEVs beim australischen Bürger auf ein sehr hohes Interesse und die Nachfrage an diesem neuen Trend wächst stetig. Wer mit Surfen, Skaten, BMX oder 4WD Autos aufgewachsen ist, dem machen diese modernen Fahrzeuge wie das E-Board, One/MonoWheel oder der E-Scooter eher keine Angst oder wirken fremd und außerirdisch wie bei vielen unserer deutschen Mitbürger. Das teilweise sehr marode Nahverkehrssystem in vielen australischen Städten hat einen weiteren Anteil am Boom der PEVs. Viele Bürger versuchen durch den Einsatz dieser kleinen Fahrzeuge generell von einer intermodalen Nutzung auf dem Weg ins Büro abzusehen und streichen die zusätzliche Fahrt im öffentlichen Verkehrsmittel. Natürlich spielen auch in Australien die stetig steigenden Benzinpreise eine weitere wichtige Rolle, um eine gute und schnelle Alternative zum Auto zu finden.

Was man als “engagierter Bürger” beim australischen Verkehrsministerium erreichen kann, zeigt die stetig ansteigende Vielzahl von Nutzern, die regelmäßig Briefe an das Ministerium senden, weil sie unbedingt ihr PEV legal und reguliert nutzen wollen. An diesem erfolgreichen Vorbild könnte sich sicherlich sowohl die deutsche Community als auch der Gesetzgeber etwas abschauen, denn anders als hierzulande nimmt man Anfragen der vielen Bürger an offizieller Stelle ernst und versucht etwas an der Situation zu ändern.

Gekauft und illegal

Die bereits oben beschriebene landesweite nicht einheitliche Regulierung führt oft zu Missverständnissen bei Kunden von Elektrofachmärkten, Discountern oder Fahrradläden, wenn jene mit ihren neu gekauften E-Scootern von der Polizei gestoppt werden. Anders als beim E-Bike, welches auch unter die nicht regulierten Fahrzeuge fällt, jedoch von tausenden Lieferdienstfahren wie z.B. Uber oder Eats genutzt werden, um Kunden zu beliefern, müssen E-Scooter-Nutzer mit hohen Strafen von 350 bis zu 2500 AUD rechnen.

Die in Höhe und Umfang den deutschen Strafen stark ähnelnde australische “Fine” ruft aber – anders als in Deutschland – ein erhöhtes Aufkommen von Nutzern auf den Plan, die es ablehnen, für ein „unregistriertes Fahrzeug + Tragen eines falschen Helms + fehlender Versicherung + fehlende Fahrzeugsteuer“ belangt zu werden und sich deshalb vehemmt für eine Anpassung des Gesetzes einsetzen.

Innovation wird hart bestarft!

Ähnlich wie damals vor 3 Jahren in Deutschland zieht auch in Australien dieses vielerorts auftretende Missverständnis vom vermeintlich “legalen” Elektrokleinstfahrzeug gerade erhöhte Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Meist geht in den Berichten um E-Scooter-Nutzer, die auf Grund der fehlenden Regulierung hohe Strafen erhalten haben. Unter diesen Voraussetzungen ist es Marcus weiterhin zu riskant per Elektro-Skateboard durch die Stadt zu cruisen, obwohl Landschaft, Wetter und Fahrtweg ihn förmlich dazu einladen. Somit bleibt weiterhin für viele die einzige Alternative das Auto oder „Public Transport“, um auf die Arbeit zu gelangen.

Nutzer kämpfen für eine Regulierung

Aufgrund der mittlerweile erhöhten PEV Akzeptanz in Städten und auf dem Land, stehen die verhängten Strafen gegenüber dem Aufkommen der Nutzer in in einem sehr geringen Verhältnis. Meist hält sich die Polizei sogar eher bedeckt, wenn z.B. lokale Group-Rides der Gruppe „Eskate Sydney“ veranstaltet werden und deren Mitglieder mit teilnehmenden EUCs, OneWheels, Elektroboards oder E-Scootern durch die Stadt und Außenbezirke cruisen.

Sicherlich spielen auch die wesentlich geringere Präsenz und Beamtenstärke in Sydney im Gegensatz zu Deutschland eine ausschlaggebende Rolle, denn laut Marcus trifft man eher selten auf die Polizei. Kommt es aber dennoch zum Showdown zwischen Polizei und Nutzern, dann kann fast wie in Deutschland alles passieren: Keine Strafe, hohe Strafen oder auch die berühmte „Gute Weiterfahrt“ sind dabei immer wieder möglich. Auch wird regelmäßig nach beobachteten Grouprides durch die Innenstadt per offiziellem Facebook Profil von Polizei und Verkehrsministerium darauf hingewiesen, dass die Nutzung dieser Fahrzeuge nur auf Privatgelände erlaubt ist.

Sichtbar sein!

Group Rides starten oder enden oftmals in der Innenstadt von Sydney, um die Sichtbarkeit für Passanten zu erhöhen um deren Aufmerksamkeit zu erlangen. Die zwischen den Sehenswürdigkeiten vorherrschende gute Straßenvernetzung für Fußgänger oder Radfahrer nutzt allen Teilnehmern bei ihrer Fahrt an bekannten Hotspots wie Hafen, Brücken, Konzerthaus oder Monumenten vorbei, um viele interessierte Blicke auf sich zu ziehen. Leider gab es in den zurückliegenden Sommermonaten weniger Möglichkeiten, denn die vielen Regentage von Oktober bis März 2021 verringerte drastisch die Zahl der möglichen Group Rides.

Wertschätzung im Verkehr – Wenn man in Sydney auf die Straße fährt – alleine oder als Gruppe – nehmen es die meisten Autofahrer gelassen und fahren vorsichtiger, bzw. langsamer. Natürlich kann es hin und wieder auch mal vorkommen, dass jemand hupt. Auch verhalten sich überholende Autos meist rücksichtsvoll, passieren die Gruppe langsam und unterlassen provozierendes Verhalten wie z.B. überhöhte Geschwindigkeit oder einen lautstakren Wutausbruch.

Gemischtes Fazit

Marcus’ Fazit fällt daher eher gemischt aus, da er es als größte Herausforderungen sieht, die Gesellschaft auf PEVs richtig vorzubereiten und zwischen den Parteien “Mir gehört die Straße!” + “Kenn ich nicht, will ich nicht!” und denen, die etwas verändern wollen, zu vermitteln. Auch der Faktor, diese Mikrofahrzeuge legal und das Fahren für alle sicher zu machen ist es, was in Australien noch gelöst werden muss. PEVs weiterhin zu ignorieren bzw. die Nutzung mit harten Strafen zu belegen, wird langfristig nur zu einem größeren Durcheinander mit wachsender Anwenderschaft führen.

Auch ist eine große Abhängigkeit zwischen den Großstädten, die eine gute Infrastruktur mit Schwerpunkt auf Radverkehr incl. Regulierung PEVs besitzen und denen, welche mit einem “historisch” gewachsenen und primär auf das Auto zugeschnittenden Verkehrsnetz kämpfen. Dies wären z.B. jüngere Städte an der Ostküste gegenüber den alten Metropolen wie Sydney oder Melbourne.

Kurz vor Abschluss des Artikels hat Verkehrsminister Rob Stokes in Aussicht gestellt, dass PEVs demnächst reguliert und legal in NSW gefahren werden dürfen.

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